Kaum eine Woche vergeht ohne neue Enthüllung: Ein KI-Detektor wie Pangram findet Spuren von ChatGPT in einer Rede oder einem Kommentar. Die Aufregung ist groß, die Empörung auch. Und ich finde diese Debatte einerseits wichtig – andererseits geht sie für mich aber in eine falsche Richtung.
Ja, es macht einen Unterschied
Vorweg: Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Sprachmodell Haltung, Ton und Argumentation liefert, oder ob jemand sich selbst hinsetzt, Argumente abwägt, Struktur und Aufbau durchdenkt und am Ende selbst formuliert. Das ist ein Unterschied im Kern.
Aber genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wo die aktuelle Debatte eigentlich ansetzt – und wo nicht.
Das Problem mit der Oberflächen-Frage
Im Moment wirkt es oft so, als ließe sich das Problem an der Oberfläche eines Textes lösen. Klingt er nach KI? Ist er zu glatt? Ein bisschen zu gut strukturiert? Hat er die bekannten stilistischen Anzeichen – Gedankenstriche, Dreier-Aufzählungen, das beliebte „nicht x, sondern y“, die sich summieren?
Mit solchen Fragen verschiebt sich die Debatte: Statt um Verantwortung für einen Text geht es plötzlich um Stil. Die Frage „War da KI im Spiel?“ wird zur Hauptfrage. Es wirkt so, als müsse man nur in die Oberfläche des Textes eingreifen, um das zu beheben. Und genau das halte ich für den falschen Fokus.
Die eigentliche Frage: Wer steht dafür ein?
Warum fragen wir nicht: Wer steht für diesen Text ein?
Mir geht es dabei bei politischen Reden, Gedenktexten, Kommentaren oder journalistischen Stücken weniger um konkrete Formulierungen. Im Mittelpunkt sollten für mich Urteil, Kontext, Abwägung und Haltung stehen. Und damit verbunden die Frage, ob jemand wirklich verstanden hat, was da gesagt wird – und bereit ist, dafür Verantwortung zu übernehmen.
Das ist eine ganz andere Frage als die nach dem Stil.
Autorschaft war nie so rein, wie manche sie jetzt gern hätten
Natürlich sind viele Texte längst arbeitsteilig entstanden. Viele Politiker:innen lassen sich ihre Reden schreiben – von anderen Menschen, inzwischen auch von KI, oder von Menschen mithilfe von KI. Das ist nicht neu: Pressestellen formulieren vor, Lektorate glätten Texte, Redaktionen diskutieren gemeinsam Formulierungen. Die reine, einsame Autorschaft, die wir so gern verherrlichen, war schon immer mehr Ideal als Realität.
Auch deshalb ist der Reinheitsgedanke der falsche Maßstab für diese Debatte. Es geht nicht darum, ob ein Text ganz allein und unberührt entstanden ist. Das war er selten.
Wo das eigentliche Problem beginnt
Das Problem ist nicht automatisch die KI selbst. Es beginnt dort, wo KI nicht mehr nur beim Formulieren hilft, sondern wo sie Denkarbeit und Haltung ersetzt. Wo ein Text Nähe, Betroffenheit oder eigenes Urteil suggeriert – aber eigentlich nur eine ganz solide, vielleicht etwas zu glatte Simulation davon ist.
Dieser Unterschied ist vielleicht auch schon in die Textoberfläche eingewebt. Er zeigt sich vor allem aber dann, wenn man fragt, was im Entstehungsprozess passiert ist.
Schreiben ist nicht nur Verpackung
Konkret für den Journalismus: Schreiben ist nicht nur eine Verpackung für fertige Gedanken. Schreiben ist oft ein Teil des Denkens selbst. Wer einen Text beginnt, merkt häufig erst beim Schreiben, wo ein Gedanke nicht trägt, wo eine Formulierung nicht passt, wo Zweifel bleiben, wo es genauer werden muss.
Wenn KI diesen Prozess überspringt, entsteht vielleicht ein glatter Text, der in sich funktioniert. Aber dass ein Text schon irgendwie funktioniert, heißt nicht, dass er auch durchdacht ist.
Die eigentlich spannende Frage
Deshalb finde ich die Frage, ob ein Text nach KI klingt, am Ende gar nicht so spannend. Viel interessanter ist für mich: Was geht im Entstehungsprozess verloren, wenn Schreiben nur noch als Ausformulieren verstanden wird?
Wurde hier selbst gedacht? Wurde geprüft, abgewogen, verworfen, neu angesetzt? Und steht am Ende ein Mensch für diesen Text ein – nicht nur mit seinem Namen, sondern auch mit seinem Urteil? Das sind die Fragen, die für mich zählen, und nicht der Gedankenstrich zu viel.
Über mich:
Ich bin freie Wissenschafts- und Gesundheitsjournalistin und schreibe unter anderem über Prävention, Ernährung, Training und chronische Erkrankungen.