Vertrauen scheint mir ein rares Gut geworden zu sein. Wer ist glaubwürdig – und was heißt das eigentlich? Mal nüchtern betrachtet: Es kursieren so viele falsche Erzählungen, Vereinfachungen und bewusste Verzerrungen, dass Wahrheit manchmal nur wie eine Option unter vielen erscheint. Sie scheint austauschbar geworden zu sein, verhandelbar, nur eine Meinung neben anderen.

Das macht vermeintlich einfache Antworten so verlockend: Sie ordnen eine unübersichtliche Welt. Sie kennen nur selten Ausnahmen und kommen ohne Voraussetzungen aus. Und manchmal lassen sie sich erstaunlich schwer widerlegen, weil sie ein geschlossenes Weltbild liefern. Häufig handeln sie von mächtigen Eliten, von Verschwörungen, von „der Pharmaindustrie“, von Menschen, die im Hintergrund Drähte spannen, über die wir alle stolpern.

Zugang zu Informationen reicht nicht

Ich lese gerade zum zweiten Mal „1984.“ Das erste Mal habe ich mir das Buch vor vielen Jahre auf einer Kursfahrt auf Englisch gekauft. Diese Ausgabe habe ich noch. Nun ist mir zufällig eine deutsche Ausgabe mit schwarzem Farbschnitt in die Hände gefallen. Sätze wie „Wahrheit ist Lüge“ und „Krieg ist Frieden“ treffen mich gerade mehr, als sie vielleicht sollten. Sie fühlen sich näher an, als es mir lieb ist.

Ich habe Dystopien lange geliebt, seien es die Klassiker oder auch moderne Romane. Zuletzt schlagen sie mir aber manchmal zu dicht ein: Eine Oppositionsführerin, die ihre Friedensnobelpreismedaille an einen kriegerischen Präsidenten abgibt? Ein Gesundheitsminister, der Impfungen mit Blick auf eine Autismus-Studie, die längst widerlegt ist, mit Autismus in Verbindung bringt? Uff. Die Grenze zwischen Fiktion und öffentlicher Debatte ist auf erschreckende Weise porös geworden.

Früher habe ich immer geglaubt, dass Menschen sich für das entscheiden, was stimmt, wenn sie Zugang zu Informationen haben. Dass sie gute Argumente erkennen, überprüfbare Fakten wählen. Heute weiß ich, dass das zu kurz gedacht war. Das sehen wir bei Klimathemen, bei Gesundheitsfragen, bei der Frage, wem wir überhaupt noch zuhören. Informationen allein schaffen kein Vertrauen.

Unsicherheiten klar benennen

Und dann stellt sich auch noch eine unbequeme Frage: Warum glaube ich eigentlich, sagen zu können, was stimmt? Was Wahrheit ist? Was kritisch zu betrachten ist?

Ganz ehrlich: In letzter Konsequenz weiß auch ich das nicht. Ich führe selbst keine Forschung durch. Ich sitze nicht im Labor und ich erhebe keine Daten. Aber ich habe Erfahrung darin, Dinge einzuordnen, Studien zu lesen, sie zu vergleichen, ihre Grenzen zu benennen, verschiedene Expert:innen zu befragen – und offen zu schreiben, wo Unsicherheiten bleiben und wo Ergebnisse widersprüchlich sind.

Vertrauen kann nachhaltig wirken – wenn es erst einmal da ist

Manchmal ist das mühsam und wenig spektakulär. Ich produziere nur selten einfache Antworten. Aber Vertrauen entsteht nicht durch Vereinfachung um jeden Preis, sondern durch Transparenz. Dadurch, Komplexität auszuhalten und sich einzugestehen, dass alles Wissen nur vorläufig ist, aber trotzdem belastbar sein kann.

Wenn Vertrauen einmal verspielt ist, lässt es sich nur schwer wieder aufbauen. Deshalb entscheide ich mich bewusst gegen die Abkürzung. Und für den Weg, auf dem Äste im Weg liegen, ich über Felsen klettern muss, Karten aufschlage, Umwege gehe. Das ist oft anstrengender, aber es ist der einzige Weg, den ich sinnvoll finde.

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Alex Maria Siemer

    Was ist Wahrheit und werden wir es jemals schaffen können, die absolute, für alle gültige Wahrheit festzustellen und als Journalisten unseren Lesern/Nutzern mitteilen können? Nein. Wahrheit ist relativ. Was für den einen wahr ist, muss es für den anderen noch längst nicht sein. Was Journalisten tun können und müssen: sich möglichst der Wahrheit annähern, indem man das Für und Wider darstellt – und es dann dem Leser/Nutzer überlassen, sich eine eigene, qualifizierte Meinung zu bilden und danach dann zu handeln. Und bisweilen merkt man im Nachhinein, dass man der falschen „Wahrheit“ aufgesessen ist.

    Ein Beispiel gefällig? Impfungen gegen Krankheiten. Ich halte sie für sinnvoll. Nur – es gibt auch Impfschäden. Und wer sich als Eltern für die Impfung seines Kindes z.B. gegen Masern entscheidet, hat am Ende vielleicht ein durch die Impfung schwer geschädigtes Kind. Betroffene werden es sich nie verzeihen, dass sie der Impfung zugestimmt haben. Auch wenn 99,9999 Prozent aller Impfungen positiv verlaufen, in diesem einen Fall war die Impfung ein Fehler und das ist für die betroffenen Eltern ein Impfschaden von 100 Prozent. Sie hätten besser in Kauf genommen, das Kind nicht impfen und es auf eine Infektion ankommen zu lassen – schlimmer hätte die ja wohl kaum werden können. Gleichwohl: alle Statistiken und Erhebungen sprechen für Impfungen.

    Umgekehrt werden sich alle Eltern selbst verfluchen, die sich gegen die Impfung des Kindes entschieden haben – wenn es denn dann doch an Masern erkrankt und möglicherweise verstorben ist.

    Wichtig ist, dass man möglichst alle zugänglichen Informationen hat, pro und contra, und dann auf Basis dieses Wissens zu einer qualifizierten Entscheidung kommt. Nichts ist schlimmer als der Satz: „Ja, hätte ich vorher gewusst, dass… dann hätte ich…“ Bei dieser Informationsvermittlung haben Journalisten eine wichtige Funktion.

    Und manchmal wandelt sich Wahrheit ja auch. Als es die ersten Impfstoffe gegen Covid-19 gab, hieß es von Wissenschaft und Politik als Wahrheitsbehauptung, Ungeimpfte würden die Infektion weiterverbreiten, nur Geimpfte seien safe, und man brauche nur eine Impfung und und und. Impfskeptiker wurden ausgegrenzt, beschimpft, drangsaliert und hatten doch mit viele Argumenten recht. Zumindest hatten die Wissenschaftler und Politiker Unrecht: ich nämlich bin z.B. inzwischen zum sechsten Mal gegen Covid-19 geimpft und habe zwischen der zweiten und dritten sowie nach der sechsten Impfung jeweils heftige, nein, nicht Impfreaktionen, sondern Infektionen durchlebt – hätte es ja eigentlich gar nicht geben dürfen… Von daher darf man auch wissenschaftlichen Thesen durchaus kritisch gegenüberstehen – deren Wahrheiten erweisen sich allzuoft als falsch. Was im Übrigen für viele selbst- oder fremdernannte „Experten“ gilt. Sie werden nur deshalb „Experten“ genannt, weil diese Bezeichnung mehr Glaubwürdigkeit verleihen soll, was es aber tatsächlich nicht tut. Es gibt keine absoluten Wahrheiten und jeder, der so tut, als hätte er sie, lügt den Leuten in die Tasche. Auf der anderen Seite ist nichts so verunsichernd, als wenn „Experten“ sagen würden: „Also, ich weiß es auch nicht, aber ich nehme an, dass…“ Und wenn sie dann noch hinzufügen würden: „Es kann aber auch ganz anders sein.“ würden sie auch nicht mehr als „Experten“ angefragt, auch nicht von den Medien.

    Was wir brauchen, ist ein kritischer Umgang mit jeder Form von vorgeblicher Wahrheit – sie kann ganz anders sein. Doch dieser kritische Umgang wird immer mehr aberzogen: wer beim Thema Ukraine-Krieg, oh, tschuldigung, dem „völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine“, ergänzt mit dem nichtssagenden Begriff „Vollinvasion“, eine andere Meinung als der Mainstream vertritt, der ist dann gleich ein Putin-Versteher, ein Russland-Freund, was es auch immer für bösartige Bezeichnungen gibt. Und wer die Klimaveränderungen für nicht so tragisch hält, weil natürlich, ist selbstverständlich ein Klimaleugner oder Aluhut-Träger. Zum kritischen Umgang mit als Wahrheiten benannten Informationen gehört auch, jede abwertende Bezeichnung für andere Meinungen als solche zu erkennen und als Propaganda abzuspeichern. Putin-Versteher oder Aluhut-Träger – das hat nicht mit Fakten zu tun und wer auf eine solche Ebene wechseln muss, mutmaßt innerlich schon selbst, dass seine Argumentation letztlich nicht tragfähig ist.

    Wahrheit ist wichtig – aber man wird sie in vielen Fällen nicht erreichen, weil sie sich eine Tatsachenbehauptung oft erst im Nachhinein als wahr oder falsch klassifizieren lässt. Und bisweilen ist nichts schlimmer als die Wahrheit und bisweilen wird man sogar dafür bestraft, die Wahrheit zu sagen. Wer in der Türkei z.B. die historisch belegte Tatsache wiedergibt, im Ersten Weltkrieg habe es eine Völkermord an Armeniern gegeben, der macht schnell Bekanntschaft mit dem türkischen Strafgesetzbuch, denn man weiß zwar um Massendeportationen und Morden, als Genozid und Völkermord – diese Begriffe gehen dann doch gegen die „türkische Ehre“.

    Und manchmal, im echten Leben, ist Wahrheit gar nicht das richtige Mittel, sondern die Lüge. Wer seinem Grundschulkind nach dem gemeinsamen Lernen für eine Klassenarbeit auf die Frage „Papa, meinst du, ich krieg die Arbeit gut hin?“ mit dem Hinweis „Nein, du bist so strunzdumm, dass du wieder nur ne fünf oder sechs schaffst“ antwortet, mag damit zwar die Wahrheit über seinen Eindruck gesagt haben – das Kind (und auch andere) werden diese Wahrheit aber nicht zu schätzen wissen. Und wer seiner Frau auf die Frage „Schatz, bin ich dicker geworden“ prompt mit einem „Na, das merkst du doch wohl selber“ oder auch einfach nur mit „Ja“ antwortet, hat auch hierbei vielleicht die Wahrheit gesagt – aber auch hier wäre eine Lüge erquicklicher gewesen. Ebenso sollte ein Arzt auf die Frage „Doktor, werd ich wieder gesund?“ tunlichst nicht antworten, auch wenn er es ehrlich meint und die Wahrheit spricht, „Bisher hat das noch niemand überlebt.“ – auch das motiviert nicht gerade und fördert schon gar nicht den Heilungsprozess.

    1. MariaBerentzen

      Vielen Dank für die ausführliche Antwort, die viele unterschiedliche Themen streift. Für mich ist der zentrale Punkt, dass weder Wissenschaft noch Journalismus absolute Wahrheiten liefern können, sondern sich ihnen immer nur annähern. Und das auch nur bei einer transparenten, faktenbasierten Arbeitsweise und einem offenen Umgang mit Unsicherheiten, Wahrscheinlichkeiten und neuen Erkenntnissen.

      Darum ging es mir auch im Text. Einfache Antworten mögen beruhigen, werden der Realität aber oft auf lange Sicht nicht gerecht. Wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich weiter, Einschätzungen müssen neu eingeordnet oder korrigiert werden, ohne beliebig zu werden.

      Der Aufwand, so zu arbeiten, kann manchmal tatsächlich etwas lästig sein, weil solche Prozesse mehr Zeit brauchen und man sich selbst auch immer mal hinterfragen sollte, aber ohne geht es meiner Meinung nach nicht. Journalismus sollte das nachvollziehbar machen und auch unterschiedliche Perspektiven bieten, um Leserinnen und Lesern eine gute Grundlage für eigene Entscheidungen zu bieten.