Wer professionell mit KI arbeiten will, muss sich entscheiden, welche Rolle sie im eigenen Schreibprozess spielen soll. Auf den ersten Blick scheint die Lösung simpel: komplette Texte generieren lassen, ein wenig optimieren – fertig.

Aber genau das mache ich nicht. Und zwar nicht, weil ich Technik ablehne oder an der Schreibmaschine oder der Tastatur hänge. Ich habe einfach gemerkt, dass für meine Arbeit ein anderer Weg besser funktioniert.

Der Selbstversuch: Komplett von KI schreiben lassen

Natürlich habe auch ich ausprobiert, mir ganze Texte erstellen zu lassen. Ich habe einen Prompt formuliert, den Text generieren lassen und ihn dann überarbeitet. Auf den ersten Blick mag das sehr effizient wirken: Die Zeilen laufen wir von selbst voll, es steht etwas da, das nicht nur strukturiert und grammatikalisch korrekt ist, sondern oft sogar erstaunlich flüssig klingt.

Aber dann beginnt die eigentliche Arbeit: Oft wirken die Sätze nicht ganz so, wie sie sollten. Sie entwickeln sich nicht organisch, sondern haken. Ich werde nicht in den Text gezogen, sondern bleibe immer wieder hängen.

Also verschiebe ich Absätze und streiche ganze Passagen. Ich ersetze Formulierungen, die richtig klingen, aber nichts sagen. Ich suche Synonyme, schreibe neu, sortiere Gedanken um, weil sie zwar logisch wirken, aber nicht meiner Argumentationslinie folgen.

Am Ende bleibt oft erstaunlich wenig vom Ursprungstext übrig. Schneller, als selbst zu schreiben, ist das nicht. Und wenn der Text wirklich gut sein soll, kostet es mindestens genauso viel Zeit – meistens sogar mehr. Und richtig zufrieden bin ich am Ende trotzdem selten.

Das Haus, das ich nicht selbst geplant habe

Für mich fühlt es sich das Texten mit KI ein bisschen so an, als würde ich ein altes Haus kaufen. Es steht, es ist bewohnbar. Alles funktioniert irgendwie. Aber die Räume sind ungünstig geschnitten. Die Fenster sind zu klein, die Türen quietschen, der Boden wellt sich. Klar kann man nun Hand anlegen, renovieren, umbauen und reparieren. Doch das Haus wird nie ganz so sein wie eines, das man von Anfang an selbst geplant hätte.

Sehr ähnlich wirken viele komplett KI-generierte Texte auf mich: Sie klingen im ersten Moment solide, aber wenn man genau hinschaut, haken sie an vielen Stellen. Und gerade bei journalistischen Texten – ob es um Gesundheit, Wissenschaft oder komplexe Zusammenhänge geht – ist die Herangehensweise entscheidend:

  • Welche Studie kommt zuerst?
  • Welche Einordnung folgt?
  • Wo setze ich ein Zitat?
  • Wo öffne ich Raum für Unsicherheit?
  • Wo verdichte ich?
  • Was darf wegfallen?

Und das ist kein bloßes Umformulieren, sondern strategisches Denken.

Professionell mit KI arbeiten: So gehe ich vor

Ich schreibe deshalb die erste Fassung selbst. Immer. Manchmal ist sie zunächst zu lang, manchmal unsortiert, manchmal wiederhole ich mich. Oft tausche ich dann Wörter aus und stelle Sätze mehrfach um, bis sie sitzen.

Diesen Teil will ich auch gar nicht abgeben. Es macht mir Freude, um Wörter zu ringen, den Rhythmus anzupassen, bis der Text sich gut liest. Laut vorzulesen, ob es harmonisch klingt. Die Worte immer wieder abzuklopfen, die Satzlängen zu variieren. Immer wieder neu anzusetzen, bis ich zufrieden bin. Und ja, das ist manchmal mühsam. Aber Texte werden dadurch. So. Viel. Besser.

Erst danach kommt die KI ins Spiel, sehr konkret und gezielt:

  • Wo hakt der Rhythmus?
  • Wo wiederhole ich mich?
  • Wo kann ich kürzen, ohne Substanz zu verlieren?
  • Ist die Argumentation stimmig?
  • Fehlt ein Gedanke, den ich noch nicht sauber formuliert habe?
  • Gibt es eine Perspektive, die ich übersehe?

Ich gehe nicht nur Absatz für Absatz durch, sondern auch Satz für Satz. Manche Vorschläge der KI übernehme ich direkt, einige passe ich an, viele verwerfe ich. Auch das dauert. Aber es ist eine produktive Mühe, die den Text schärft.

Was KI beim Texten für mich wirklich leistet

Professionell mit KI arbeiten heißt für mich nicht, Verantwortung abzugeben, sondern bewusster hinzusehen. KI ersetzt für mich weder die Recherche noch die Einordnung oder Haltung. Aber sie hilft mir, genauer hinzusehen. Ich nutze sie als Sparringspartner, als kritischen Blick, der keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nimmt, wenn er meinen Text zerlegt. Ich verwende sie nicht, um Texte automatisch generieren zu lassen, sondern um sie zu schärfen.

Gerade bei langen Texten – etwa zu Ernährungsstudien, Longevity, psychischer Gesundheit oder komplexen Forschungsergebnissen – kann sie helfen, Brüche sichtbar zu machen, Längen aufzuzeigen oder Unklarheiten zu entlarven. Sie zwingt mich, meine eigenen Gedanken noch einmal zu prüfen, weil sie anders an Texte herangeht.

Die Frage nach der Freude

Ein Aspekt wird in der KI-Debatte erstaunlich selten thematisiert: die Freude. Für mich ist Schreiben kein bloßer Prozess, an dessen Ende ein Text steht. Es ist immer auch ein kreativer Akt, etwas, bei dem ich denke, ordne und verdichte. Wenn ich das auslagern würde, bliebe zwar etwas Funktionales zurück, aber nichts, das sich wirklich nach mir anfühlt.

Ich bin überzeugt, dass man einem Text anmerkt, ob jemand damit gerungen und wirklich verstanden hat, was er schreibt. Ob da ein eigener Rhythmus, eine eigene Haltung, ein eigenes Gespür für Sprache steckt. Das könnte gerade in Zeiten, in denen Inhalte inflationär werden, zum Unterscheidungsmerkmal werden.

KI als Werkzeug, nicht als Ersatz

KI kann und sollte kein Ersatz fürs Denken sein und auch keiner fürs Sprachgefühl. Im besten Fall ist sie ein Werkzeug, ganz ähnlich, wie auch ein gutes Lektorat ein Werkzeug ist, ein Gespräch in der Redaktion neue Perspektiven öffnen kann oder eine Kollegin einen mit der Frage: „Bist du sicher, dass das dein stärkstes Argument ist?“ dazu bringt, den Aufbau eines Textes zu überdenken.

Am Ende treffe ich die Entscheidungen und übernehme die Verantwortung für Struktur, Gewichtung und Aussage. Die Frage sollte meiner Meinung nach weniger sein, ob wir KI nutzen, sondern vielmehr, wie wir sie einsetzen. Lassen wir sie für uns schreiben? Oder schreiben wir – und nutzen sie, um besser zu werden?

Wenn Sie komplexe Themen auch im KI-Zeitalter fundiert und verständlich kommunizieren möchten, freue ich mich über den Austausch.

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