In den vergangenen Jahren hatte ich oft das Gefühl, dass andere die Expert:innen sind. Dass sie schneller eine klare Haltung finden, schneller eine Meinung formulieren, schneller sichtbar sind. Während mache ihre Positionen scheinbar mühelos und eindeutig vertreten, habe ich mich selbst oft dabei beobachtet, dass ich zögere. Weil ich Zeit brauche, Reflektion.

Ich lese, spreche mit Forschenden, sortiere Informationen, lasse Gedanken sacken. Und nicht selten komme ich am Ende nicht mit einer eindeutigen Position heraus, sondern mit zwei oder mehr Sichtweisen, die ich alle nachvollziehbar finde. Lange habe ich das als Schwäche aufgefasst, als „mich nicht entscheiden können“.

Ambivalenz und Unsicherheit in der Wissenschaft

Inzwischen sehe ich das anders. Ich habe verstanden, dass ich gut darin bin, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten und trotzdem das große Ganze im Blick zu behalten. Dieses Nicht-ganz-sicher-Sein ist für mich kein Mangel an Kompetenz, sondern Teil davon.

Ambivalenz bedeutet nicht, keine Haltung zu haben. Sie bedeutet, Komplexität ernst zu nehmen und Argumente gegeneinander abzuwägen, statt sie vorschnell aufzulösen. Und sie bedeutet, anzuerkennen, dass viele Fragen nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet werden können. Dass manche Dinge so stehen bleiben und sich vorerst nicht auflösen lassen.

Warum Unsicherheit in der Wissenschaft zentral ist

Auch in der Wissenschaft gibt es selten die eine klare Antwort. Forschung produziert Wissen, aber dieses Wissen ist oft vorläufig, kontextabhängig und mit Unsicherheiten behaftet. Studien liefern Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten. Ergebnisse müssen eingeordnet, verglichen, reproduziert werden.

Trotzdem entsteht in der öffentlichen Kommunikation häufig der Eindruck, Wissenschaft müsse eindeutige Antworten liefern, die am besten für immer gelten – und das möglichst schnell, möglichst klar, möglichst widerspruchsfrei. Unsicherheiten werden dabei oft als Schwäche wahrgenommen oder bewusst ausgeblendet. Das finde ich fatal, weil Unsicherheit für mich zum Kern des wissenschaftlichen Arbeitens gehört. Sie ist kein Fehler im System, sondern sein Motor. Ohne offene Fragen gäbe es keinen Erkenntnisfortschritt.

Vertrauen entsteht nicht durch Vereinfachung

Ähnlich erlebe ich auch Wissenschaft und Kommunikation. Gerade in der Wissenschaftskommunikation und der Gesundheitskommunikation gibt es selten die eine klare Antwort: Einerseits gibt es den Wunsch nach Orientierung und nach Klarheit. Andererseits sind viele Themen komplex, vielschichtig und nicht abschließend geklärt.

Ich bin mir sicher, dass Vertrauen nicht dadurch entsteht, Unsicherheiten zu vermeiden oder sie glattzubügeln. Im Gegenteil: Vertrauen kann dann wachsen, wenn Unsicherheiten sauber benannt, erklärt und eingeordnet werden. Wenn deutlich wird, was wir wissen – und was (noch) nicht. Das bedeutet nicht, andere Menschen mit Details zu überfordern. Es geht für mich darum, ihnen ernsthaft zuzutrauen, mit Komplexität umgehen zu können, wenn sie verständlich vermittelt wird.

Sichtbarkeit und Denkprozesse in der Wissenschaftskommunikation

Wir leben in einer Zeit, in der vieles unübersichtlich ist: gesundheitlich, gesellschaftlich, politisch. Der Wunsch nach schnellen Antworten ist verständlich. Das merke ich auch bei mir selbst. Zugleich wächst damit aber auch die Gefahr, vorschnelle Gewissheiten zu produzieren, wo eigentlich Offenheit nötig wäre.

Für mich persönlich hat das zu einem Entschluss geführt: Ich möchte nicht erst dann sichtbar werden, wenn ich mir ganz sicher bin, sondern auch den Weg dorthin teilen. Das Denken, das Abwägen, die Fragen, die Unsicherheiten. Das ist nicht als Selbstoffenbarung gedacht, sondern als Teil professioneller Arbeit. Ich möchte Denkprozesse gerade auch dort sichtbar machen, wo einfache Antworten nicht ausreichen.

Schreibe einen Kommentar

Dieser Beitrag hat einen Kommentar